Überfischung

Laut Welternährungsorganisation sind bereits über 70 % der Bestände kommerzieller Fischarten überfischt oder erschöpft. Die Folgen sind nicht nur für den Menschen gravierend, sondern auch für Meeressäuger, die mit dem Menschen um diese wertvolle Nahrungsressource konkurrieren.

Delfine fressen Fisch, Menschen auch. Die Fangstrategien der Fischereiflotten sind aber durch den Einsatz entsprechender Techniken (Fischfinder, satellitengestützte Informationen usw.) sehr viel effektiver als die der Delfine. Viele Fischbestände sind bereits so stark dezimiert, dass eine fischereiliche Nutzung aus biologischer Sicht nicht mehr zu verantworten ist.

So sind der insbesondere den Sushi-Markt bedienende Blauflossenthunfisch sowie der Schwertfisch im Mittelmeer, Totoaba in Mexiko und viele andere Raubfischarten mittlerweile durch den hohen Fischereidruck vom Aussterben bedroht. Vor der Ostküste Kanadas ist der Kabeljau fast verschwunden. Ein ähnliches Schicksal droht dieser Art in der Ostsee. Dort heißt sie Dorsch.

60 % der europäischen Fänge werden durch die natürliche Vermehrungsrate nicht mehr aufgefüllt. Im Umkehrschluss bedeutet dies, wir fischen 150 % über dem verträglichen Maß!


Fischmahlzeit 2020? (Foto: S. Koschinski)

Schwindende Nahrungsressourcen
Verschlimmernd kommt hinzu, dass die Preise für seltene Arten steigen und sie damit umso begehrter sind, insbesondere für den asiatischen Markt. Die Folge ist ein noch höherer Fischereidruck.

Für Delfine bedeutet dies eine noch größere Gefahr durch Beifangtod und Verknappung wichtiger Nahrungsressourcen. Die Meeressäuger verhungern, müssen abwandern oder auf weniger fettreiche Beutefische ausweichen, was ihren Fortpflanzungserfolg und damit die langfristige Überlebensfähigkeit verringert.
Die Abnahme der vor allem für die Lachszuchtund Viehfutter gefangenen Sandaale hat zusammen mit der Erwärmung der Nordsee zum Zusammenbruch der Bestände in Schottland geführt. Dadurch verhungern Schweinswale, die auf diese fettreiche Nahrung angewiesen sind.

Im Mittelmeer zeigten Untersuchungen einen ähnlichen Effekt: Durch die Überfischung von Sardellen und Sardinen sank das Vorkommen von Gemeinen Delfinen in der Ionischen See von 1997 bis 2004 auf nur noch 4 % des ursprünglichen Bestands. Bei Großen Tümmlern war kein klarer Trend nachweisbar. Diese Art konnte hier vermutlich auf andere Beute ausweichen.

Für kanadische Fisch fressende Schwertwale bedeutet die intensive Befischung der Königslachsbestände eine erhebliche Gefahr. Laichgewässer der Lachse werden zudem durch die rücksichtslose Abholzung der Küstenregenwälder unwiederbringlich zerstört.


Ausbeute der Industriefischerei auf
Sandaale (Foto: S. Koschinski)

Komplexe ökologische Zusammenhänge
Bei der Alaskaseelachsfischerei zeigt sich, wie komplex die ökologischen Zusammenhänge sind: Die Bestände der Steller-Seelöwen sind in den letzten 30 Jahren drastisch zurückgegangen. Ursache ist wahrscheinlich die klimabedingte Abwanderung von Heringsbeständen und die Überfischung von Alaskaseelachs, infolgedessen die Seelöwen auf qualitativ schlechtere Nahrung umgestiegen sind, was wiederum ihren Fortpflanzungserfolg gefährdet. Schwertwale, die sich bislang vor allem von Steller-Seelöwen ernährten, weichen mittlerweile auf Seeotter aus, was wiederum diese Art lokal bedroht. Ein Rückgang von Seeottern führt schließlich zum Verschwinden der ökologisch wertvollen artenreichen Seetangwälder durch Vermehrung von Algen fressenden Seeigeln, einer Hauptnahrung der Seeotter. Was werden die Schwertwale fressen, wenn die Seeotter verschwunden sind?

Die Politik versagt
Maßnahmen zur Bekämpfung der Überfischung gibt es viele, z.B. selektivere Fangtechniken, Quotenregulierung für zulässige Gesamtfangmengen, Schongebiete und Schonzeiten für gefährdete Fischarten. Diese wird seit Jahren nicht nur von Naturschutzorganisationen aus aller Welt gefordert, auch wissenschaftliche Fischereikommissionen z.B. von der EU raten zu drastischen Einschränkungen der Fischerei.

Doch das Gegenteil passiert. Regionale Fischereiabkommen erweisen sich als wirkungslos und regelmäßig knickt die Politik - allen voran die EU - vor der Fischereilobby ein, erweist ihr sogar Gefälligkeiten durch Subventionen für den Ausbau von Fischfangflotten oder kürzlich die deutliche Ausweitung von Grundstellnetzen im Mittelmeer unter dem Deckmantel einer nachhaltigen Fischerei - bis der letzte Fisch gefischt sein wird.

Die industrielle Fischerei ist heutzutage die mit Abstand gefährlichste Bedrohung nicht nur für Delfine, sondern für das gesamte Leben in den Meeren - und für sich selbst. In einer großen Studie haben 14 Meeresbiologen und Wirtschaftswissenschaftler die Entwicklung der Fischbestände in den Weltmeeren über die vergangenen rund 50 Jahre analysiert. Ihr Fazit ist erschütternd: Ändert sich nichts, dann gibt es noch vor dem Jahr 2050 in den Ozeanen keinen Seefisch mehr.
GRD-Presse