Der Schweinswal

Schweinswale in Nord- und Ostsee
Der Schweinswal ist die einzige in unseren Gewässern heimische Walart. Das wichtigste bekannte Fortpflanzungsgebiet findet sich westlich von Sylt, weit jenseits der Grenzen des Nationalparks schleswig-holsteinisches Wattenmeer, in einem Gebiet, in dem die Claims bereits abgesteckt sind von Stromkonzernen, die dort Windparks betreiben wollen und Kiesabbaufirmen, Fischerei und Militär.

In der Nordsee gibt es nach neuesten Schätzungen aus dem Jahr 2005 noch ca. 170.000 Tiere. In der Ostsee leben ca. 20.000 Tiere. 1994 hatte man dort noch 36.600 Tiere gezählt. Die meisten Ostseeschweinswale leben im Kattegatt oder den dänischen Belten. In der westlichen Ostsee sind es nur 1.600 Tiere, östlich des Darss sind es nicht einmal mehr 600 Tiere, die eine eigene Population darstellen.


Der Schweinswal ist gut an seiner dreieckigen Rückenfinne zu erkennen (Foto: S. Koschinski)

Der Schweinswalbestand in der Ostsee ist in den vergangenen hundert Jahren dramatisch zurückgegangen. Dieser Trend ist noch immer nicht gestoppt. Früher tummelten sich diese etwa 1,50 m langen Kleinwale in der gesamten Ostsee, vom Kattegat bis in den finnischen und bottnischen Meerbusen. Regelmäßig im Winter mussten die Tiere die nördliche Ostsee verlassen, da sie in den eisbedeckten Gewässern nicht zum Atmen auftauchen können. Sie wanderten zu Tausenden aus der nördlichen und zentralen Ostsee durch die westliche Ostsee und die dänischen Belte ins Kattegat. Dänische Jäger nutzten die Wanderungen der Tiere, um sie in den Belten zusammenzutreiben und abzuschlachten.

Heute umfasst das Verbreitungsgebiet des Schweinswals dort nur noch einen Bruchteil der Ostsee. Östlich der Darsser Schwelle sieht man sie nur noch selten. Östlich der Danziger Bucht und nördlich von Bornholm sind sie Ausnahmeerscheinungen. Insbesondere die Schweinswale der östlichen Population sind extrem bedroht. Die gezielte Jagd auf den Ostseeschweinswal im frühen 20. Jahrhundert mag den Grundstein für den Zusammenbruch der Bestände gelegt haben.

Heute leiden die Schweinswalbestände der Nord- und Ostsee vor allem unter der Treibnetz- und Stellnetzfischerei etwa auf Lachs, Steinbutt, Scholle und Dorsch/Kabeljau. Die Tiere verenden ungewollt als Beifang in den Netzen der Fischer.

Bei einem derart geringen Bestand wie der östlichen Ostseepopulation kommt es auf den Schutz jedes einzelnen Schweinswals an, um die Population zu erhalten. Dies ist zusammen mit entsprechenden Schutzmaßnahmen im Rettungsplan für die Ostseeschweinswale des Kleinwalschutzabkommens ASCOBANS formuliert.

Wichtige Schutzmaßnahmen sind unter anderem der Verzicht auf Fischereitechniken, die ein hohes Beifangrisiko darstellen, wie etwa großmaschige Kiemennetze. Alle Fakten sind bekannt, lediglich der politische Wille zur konsequenten Umsetzung des Rettungsplans fehlt. Ein befristetes Programm zur Verwendung von Vergrämungsgeräten, sogenannten Pingern, soll an Fischereinetzen dafür sorgen, dass die Tiere gar nicht erst in die Nähe der Netze schwimmen. Allerdings gibt es auch mahnende Stimmen, die auf die mögliche Vertreibung aus ihrem Habitat oder eine Gewöhnung der intelligenten Meeressäuger an die Pinger verweisen. Somit stellen Pinger nur für eine Übergangszeit eine Lösung dar, bis die Fischerei auf schweinswalfreundliche Fanggeräte umgestellt ist.


Drei Pinger an einem Kiemennetz. Können diese Geräte dauerhaft Schweinswale vor dem Beifangtod retten? (Foto: S. Koschinski)


Zur Bedrohung durch direkten Wegfang der Tiere kommen eine Vielzahl von weiteren Problemen, die die gesamte Meeresumwelt belasten: Dazu gehört eine immer noch erhebliche Schadstoffbelastung, die Meeressäugetiere krank macht oder durch die Anreicherung über die Nahrungskette zu Unfruchtbarkeit führen kann. Weiterhin werden die Meere durch verschiedene menschliche Aktivitäten für Meeressäuger immer lauter.

Dazu gehört der in der Nord- und Ostsee stark ansteigende Schiffsverkehr, seismische Erkundungen bei der Suche nach Öl- und Gaslagerstätten, Rammgeräusche beim Bau von Windparks und anderen Offshore-Einrichtungen, Kiesabbau und Baggerarbeiten, Einspülen von Pipelines und Unterseekabeln sowie militärische Übungen, bei denen es regelmäßig zum Einsatz von Sonar und zu Explosionen kommt. Diese menschlichen Nutzungsformen haben ein zum Teil erhebliches Störungspotenzial. Laute, lang anhaltende oder dauerhafte Schallemissionen können sogar das Gehör der Tiere schädigen. Und das ist für Tierarten, die sich akustisch orientieren, eine erhebliche Gefahr.

Aktuell ist das Thema Unterwasserexplosionen durch Funde von Munition in der Kieler Bucht vor Heidkate, die derzeit gesprengt werden soll. Es ist zu befürchten, dass Schweinswale, die sich in einem Umkreis mehrerer Kilometer um die Explosionen aufhalten, durch die Druck- und Schallwellen geschädigt werden. In der Kieler Bucht können im Winter Schweinswale aus beiden Populationen vorkommen. Bei circa 1,5 Millionen Tonnen Munitionsaltlasten, die in der Nord- und Ostsee vermutet werden, sind Sprengungen überall eine immer wiederkehrende Gefahr.

Auch beim Bau der geplanten Gaspipeline durch die Ostsee müssen Sprengkörper beseitigt werden, eine erhebliche Gefahr für die letzten Schweinswale der östlichen Ostsee. Ein auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basierendes Sicherheitsprotokoll für alle lauten Schallemissionen im Meer muss dringend erarbeitet werden, um Schaden von den faszinierenden Meeressäugetieren abzuwenden.

Sven Koschinski